Was bedeutet Nachhaltigkeit, wenn ein Material bereits 33 Millionen Jahre alt ist? Die Ausstellung im cokon bringt drei künstlerische Perspektiven zusammen, die sich über ein gemeinsames Thema begegnen: Zeit, Transformation und die Frage, was bleibt.

Im Mittelpunkt stehen Tische aus 33 Millionen Jahre alten versteinerten Bäumen, gestaltet von Mathias Scheffel und Frances Frühauf. Ihr Ausgangspunkt ist kein heute gefällter Baum, sondern ein Baum aus einer längst vergangenen Erdzeit. Über Millionen Jahre wurde aus organischem Holz Stein. Was einst lebte, wurde zu geologischer Zeit.

Und doch ist die Geschichte des Baumes nicht verschwunden. Selbst nach 33 Millionen Jahren sind die ursprünglichen Eigenschaften des Holzes in seiner versteinerten Form sichtbar und spürbar: Maserung, Jahresringe, Äste und die charakteristische Struktur sind erhalten geblieben. Die Materie hat sich verändert – die Erinnerung an den Baum ist geblieben.

Scheffel und Frühauf geben diesem außergewöhnlichen Material eine neue Funktion und holen es in unsere Gegenwart. Aus dem versteinerten Baum wird ein Tisch. Ein Material, das seine erste Existenz vor 33 Millionen Jahren beendet hat, erhält ein neues Leben.
Vielleicht liegt darin eine radikale Form von Nachhaltigkeit: nicht immer Neues zu produzieren, sondern dem Vorhandenen neue Funktionen, neue Bedeutungen und ein weiteres Leben zu geben. Der Tisch wird damit mehr als ein Möbelstück. Er wird zum Speicher von Zeit – und macht sichtbar, wie kurz unser eigener Umgang mit Materie im Verhältnis zur Erdgeschichte ist.

Diese Idee findet in den Arbeiten von Thomas Kessler, Komponist und Klangforscher, eine ganz andere Entsprechung. Kessler versteht das Gestalten von Kunst als Arbeit an der Zeit. Für diese Ausstellung verlagert er seine kompositorische Praxis in den Raum des Visuellen. Abstrakte, meist grafische Videos entfalten sich in überlagerten Zeitebenen, in klaren Layerstrukturen, reduziert und präzise. Bewegung erscheint als rhythmische Ordnung, als Verdichtung und Dehnung, als stilles Fortschreiten. Korrespondierende Klangkompositionen vertiefen diese Prozesse, ohne sie zu illustrieren.
Konzentration statt Überfluss, Präsenz statt Effekt.
So begegnen sich drei unterschiedliche Formen des Umgangs mit Zeit: Scheffel und Frühauf machen Zeit in Material sichtbar. Kessler macht Zeit in Bild und Klang erfahrbar. Hier ist Zeit in Materie eingeschrieben, dort wird sie als Bewegung, Rhythmus, Klang und Wahrnehmung gestaltet.
Am Abend der Eröffnung zieht Thomas Kessler mit seiner Studiotechnik für einen Abend in das cokon ein. Am praktischen Beispiel nimmt er die Besucher:innen mit auf seinen persönlichen Weg „vom Bild zum Klang und zurück“. Wie wird aus visueller Struktur, Bewegung und Zeit ein Klang? Und wie kann Klang wiederum Bilder und visuelle Prozesse beeinflussen? Der Entstehungsprozess wird dabei selbst zum Teil der Ausstellung – als offener Dialog zwischen Bild, Klang, Material und Zeit.
33 Millionen Jahre Materialgeschichte treffen auf den gegenwärtigen Moment.
Ein Baum wird zu Stein. Stein wird zum Tisch. Zeit wird zu Bild und Klang.
Und vielleicht beginnt Nachhaltigkeit genau dort, wo wir aufhören, alles als Verbrauchsgut zu betrachten – und beginnen, Dauer, Veränderung und Weitergabe als Werte zu begreifen.

Cokon, Pinienstraße 2, 40233 Düsseldorf
Frances Frühauf, Mathias Scheffel, Thomas Kessler
